Dr. Volker Treier: “Unternehmen dürfen den Kopf nicht in den Sand stecken”

Vor der HANNOVER MESSE 2019: Dr. Volker Treier, der Außenwirtschaftschef des DIHK, über die aktuellen weltwirtschaftlichen Entwicklungen und die Zuspitzungen bei handelspolitischen Herausforderungen

2018 war der fünfte deutsche Exportrekord in Folge. Was erwartet uns 2019?

Unser Export ist angesichts der vielfältigen Verflechtungen mit den internationalen Märkten stabil. Keiner unserer nationalen Märkte ist größer  als 10 Prozent des Gesamtmarktes. Das reflektiert eine kontinuierliche Entwicklung der globalen Arbeitsteilung. Insofern ist es schon fast eine Selbstverständlichkeit, dass der Export Jahr für Jahr zunimmt und wir nur bei außerordentlichen Ereignissen wie einer globalen Finanzmarktkrise überhaupt Rückschläge sehen. Die Frage ist aber, wie die Weltwirtschaft. Sie hat, gemessen an den hohen, aber nicht unbegründeten Erwartungen, enttäuscht. Die Handelskonflikte haben auch Deutschland berührt. Wenn wir 2018  3 Prozent Exportwachstum erreichen, ist das gegenüber dem langjährigen Durchschnitt von jährlich 5 Prozent deutlich weniger. Für das laufende Jahr werden wir noch schwächeres Wachstum haben. Die DIHK-Konjunkturbefragung prognostiziert das schwächste Wachstum seit 2012. Sogar optimistische Szenarien zugrunde gelegt, erwarten wir ein Exportwachstum von nur 2 Prozent. Das ist dürftig. 

Die Entwicklung kann zu realistischen Neubewertung von Chancen führen

Wie sollen die Unternehmen sich denn in dieser Situationen und gegenüber den handelspolitischen Herausforderungen verhalten?

Es ist eine delikate Situation, die die Unternehmen nicht steuern können. Sie können nur Szenarien entwickeln, wie die Dinge ausgehen könnten. Das gilt für den Brexit, das gilt auch für andere Märkte – wie die USA und China. Da heißt es, im Unternehmen Fragen zuzulassen, die durchaus eine Verunsicherung hervorrufen, aber auch zur realistischen Neubewertung von Chancen führen können. Dann kann und muss man sich entsprechend vorbereiten, auch wenn – wie bei der Brexit-Vorkehr – eventuell auch unnötige Kosten in Kauf genommen werden müssen. Das tun ja  die 12,5 Prozent der deutschen Unternehmen, die Großbritannien nicht mehr als Teil einer internationalen Wertschöpfungskette sehen und nach eigenen Angaben schon knallharte Maßnahmen der Relokation vorbereitet haben. 

Die Auslandshandelskammern sind in großer Anzahl auf der HANNOVER MESSE präsent. Warum? 

Wir sind der Meinung, dass gerade die geopolitische Konstellationen und die vermeintliche Abflachung der Globalisierung nicht dazu führen darf, dass die Unternehmen den Kopf in Sand stecken. Diversifizierung im Absatz, neue Strategien zu entwickeln, auch die Märkte wieder in den Blick zu nehmen, die man außer Acht gelassen hat, dazu wollen wir motivieren. Die Digitalisierung krempelt Wirtschaft und ganze Gesellschaften um. In einzelnen Branchen eröffnen sich damit ganz neue Perspektiven, auch für den Export. In vielen Staaten weltweit gibt es zudem eine Reaktion, neue Freihandelsabkommen zu verhandeln. Damit sind auch neue Chancen gegeben, über die unser Netzwerk auf der Messe berichten wird. 

Wo Menschen sind, sind auch Märkte.

Und weshalb  ist Afrika in diesem Jahr ein so wichtiges Thema?

Natürlich sind der Migrationsdruck und die chinesische Präsenz ein allgemeiner Anlass dafür, den Kontinent wirtschaftlich etwas genauer zu analysieren. Wir haben dafür in eine entsprechende Infrastruktur investiert und das Netz unserer Auslandshandelskammern in Afrika erheblich ausgeweitet. Wir wollen den Unternehmen bei der Analyse mehr Unterstützung und – wie auch überall sonst in der Welt – den Zugang zu lokalen Netzwerken anbieten können. Afrika ist so oder so einer der  Märkte von morgen. Die Bevölkerung wird sich bis 2050 verdoppeln. Wo Menschen sind, sind auch Märkte. Ein weiteres Ziel: Mit unserer Präsenz in Afrika wollen wir auch dazu beitragen, dass die Regierungen dort Rahmenbedingungen für Investitionen und vor allem Ausbildung entwickeln – eine wichtige Voraussetzung, wenn deutsche Unternehmen für ein Engagement gewonnen werden sollen.

In der Öffentlichkeit gibt es aber starke Vorbehalte gegen Investitionen in Staaten, die nicht durch Good Governance auffallen,,,

Ja, wir haben in Deutschland eine mittlerweile ein zum Teil sehr moralische Betrachtung der Auslandsmärkte. Bei Afrika überwiegt noch das Mitleid. Wenn wir über Saudi-Arabien, China oder Russland reden, werden wir immer wieder gefragt nach Menschenrechten, Sozial- und Umweltstandards nicht nur in den deutschen Unternehmen, sondern auch bei den Lieferanten und Partnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Das sind zum Teil sehr hohe Messlatten für mittelständische Unternehmen. Gerade die Unternehmer, die die Märkte persönlich genau kennen, wollen diese Risiken oft nicht mehr eingehen. Dabei tun ja gerade auch mittelständischen Firmen Unternehmen in den Märkten keine moralisch verwerflichen Dinge, etwa wenn sie sich sehr pragmatisch und engagiert für die Ausbildung der Mitarbeiter und die Qualifizierung der Partner an ihren Standort stark machen. Es ist wichtig, dass wir eine globale Plattform wie die HANNOVER MESSE nutzen können, bei der wir zu diesen Themen den offenen Dialog mit den Partnern der deutschen Wirtschaft in der Welt pflegen können. 

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Hans Gäng
06.04.2019
von Global Business Magazine