Marokko: Zuverlässige Strukturen aufbauen

Johannes Kirsch, beim Verband der deutschen Elektroindustrie für die Außenwirtschaft verantwortlich, sieht Chancen für gemeinsame Projekte deutscher und marokkanischer Unternehmen

In welchen Technikfeldern liegt das Kooperationspotenzial zwischen marokkanischen Unternehmen und der deutschen Elektroindustrie?

In Marokko gibt zum Beispiel einige interessante Produzenten von Energiekabeln und Kabelgarnituren und anderen Komponenten der Energieübertragung und -verteilung, aber auch einige Produktionsstätten von internationalen Automobilherstellern und deren Zulieferindustrie. Beide Industriezweige produzieren nicht vornehmlich für den inländischen Verbrauch, sondern tun dies mit der Absicht, die Produkte zu exportieren. Exportfähige Produkte müssen internationale Qualitätsstandards erfüllen. Hier helfen anspruchsvolle Fertigungstechniken mittels derer die geforderten Produktqualitäten zuverlässig eingehalten werden können. Das bringt die deutschen Hersteller von Komponenten und Ausrüstungen zur Fabrikautomatisierung ins Spiel.

Grundfertigkeiten der Metallbearbeitung sind in vielen Bereichen der industriellen Wertschöpfung unverzichtbar. Aus dem Grund haben sich Firmen aus dem ZVEI-Arbeitskreis Afrikanische Märkte zusammengetan um an der Berufsschule CPT in Kenitra jungen Menschen die Feinheiten moderner Schweißtechnik systematisch zu vermitteln. Diese Ausbildungsmaßnahmen werden von der GIZ finanziell gefördert. Sie verbessern die beruflichen Chancen junger Menschen in der marokkanischen Wirtschaft und tragen so auch zur Reduzierung der Jugendarbeitslosigkeit in Marokko bei.

Gibt es denn internationale Beispiele und Benchmarks, in denen ein Wissenstransfer zwischen Unternehmen und ihren lokalen Partnern/Kunden schon erfolgreich stattfindet? (China, Mexiko, …)

China ist sicherlich ein Sonderfall, denn als mittlerweile größter Markt für die E+E Industrie stellt das Land die Bedingungen für internationale Investitionen und hat so schon immer den Technologietransfer erzwungen. In dieser Machtposition ist Marokko schon allein aufgrund seiner
Größe nicht und auch Mexiko ist, soweit wir wissen, nicht so aufgetreten.
Staatlicher Zwang mit dem Ziel des Technologietransfers ist meines Erachtens auch gar nicht nötig, denn zum Eintritt in internationale Wertschöpfungsketten sind in unserer Branche nicht zuerst niedrige Löhne als Eintrittskarte zu sehen, sondern die zuverlässige Produktion hoher Qualität. Dies wiederum setzt qualifizierte Arbeitskräfte voraus, weshalb sich die Investoren aus dem ZVEI Arbeitskreis „Afrikanische Märkte“ zunächst auf Ausbildungsmaßnahmen für marokkanische Arbeitnehmer konzentrieren.

Welche Chancen gibt es für Kooperationen in Drittmärkten – also in Afrika? Was ist dabei eine mögliche Rollenteilung?

Die südlichen Nachbarn Marokkos sind industriell noch nicht so weit entwickelt, haben aber einen Bedarf z.B. an Ausrüstung für die Energieinfrastruktur. Hier können Hersteller marokkanischer Hardware und marokkanische Baufirmen zusammen mit europäischen Technologielieferanten zusammenarbeiten, um dort zuverlässige Strukturen aufzubauen.

Appell an die Mitgliedsfirmen: Warum lohnt es sich, sich in diesem Bereich jetzt zu engagieren, obwohl die Volumina noch nicht mit denen größerer Auslandsmärkte vergleichbar sind?

Risikodiversifizierung durch Bearbeitung neuer Märkte wird mit Blick auf die Verzerrungen in den großen Märkten ein wichtiger Ausgleich, um den sog. „Klumpenrisiken“ zukünftig begegnen zu können. Deshalb kann es zunehmend wichtig werden, zu lernen nach welchen Regeln neue Märkte z.B. in Nordafrika und Subsahara-Afrika „ticken“. Je früher die Firmen anfangen, sich auf diese Lernkurve einzulassen und sich an der Entwicklung der dortigen Märkte beteiligen, desto erfahrener und resilienter werden sie in diesem interessanten Umfeld. Wenn es in den großen Märkten mit den geostrategischen Risiken zu weiteren Verwerfungen kommen sollte, wäre dies ein wichtiger Vorteil für die deutschen Elektrounternehmen in diesen wachsenden Märkten.

Maëva Bontempi
10.05.2021
von Maëva Bontempi