Domenico Iacovelli: “Lokale Agilität ist überlebenswichtig”

Domenico Iacovelli, CEO der Schuler Group, über Internationalisierung, Wachstum und Arbeitsteilung auch in Zeiten von Pandemie und Krieg.

Was ändert sich für die alten Wachstumsmodelle der Internationalisierung nach Covid und Ukraine-Krieg?

Die Welt hat sich durch die Corona-Pandemie verändert, keine Frage. Die Störung und vereinzelte Unterbrechung von Lieferketten hat das Augenmerk verstärkt auf eine lokale, möglichst unabhängige Produktion gelenkt. Der Ukraine-Krieg wird diese Entwicklung verstärken. Es ist richtig, diese Diskussion jetzt zu führen. Doch deshalb sollten wir nicht die Internationalisierung und Globalisierung komplett in Frage stellen. Es gibt schließlich gute Gründe dafür, warum Halbleiter bislang vor allem in Asien hergestellt wurden. Natürlich wäre es gut, wenn wir auch in Europa eine solche Fertigung aufziehen könnten. Die Frage ist nur, ob sie auch dauerhaft wettbewerbsfähig wäre. Anders verhält es sich mit der Produktion von Batteriezellen: Hier haben wir noch die Chance, den Vorsprung aus Fernost mit europäischen Fabriken wenigstens zu verringern.

Wie wichtig ist lokale Agilität der Landesgesellschaften?

Die lokale Agilität ist überlebenswichtig und war deshalb bei Schuler auch schon lange vor der Pandemie gegeben. Wir müssen den Landesgesellschaften natürlich die nötige Freiheit geben, um sich den Gegebenheiten und den Bedürfnissen unserer Kunden im jeweiligen Markt anzupassen; das ist ja ihre ureigene Aufgabe. Gleichzeitig dürfen wir aber den Abstand zum Unternehmen und seinen übergreifenden Zielen nicht zu groß werden lassen. Weil in den vergangenen beiden Jahren der direkte, persönliche Austausch kaum möglich war, mussten viele unserer ausländischen Beschäftigten zwangsläufig selbstständiger und eigenverantwortlicher handeln. Das hat beiden Seiten durchaus gut getan. Jetzt ist es aber wieder an der Zeit, den Kontakt zu intensivieren.

Wie passt Schuler die Produkte an lokale Bedürfnisse an und hält gleichzeitig seine Markenversprechen?

Wir fahren bereits seit einigen Jahren die Strategie „Local for Local“ und produzieren die überwiegende Mehrheit der Komponenten für unsere Anlagen dort, wo sie unsere Kunden später auch einsetzen. Dafür nutzen wir unsere in der Umformtechnik einzigartige globale Aufstellung mit Produktions- und Servicestätten in China, Brasilien, den USA und Deutschland, die eine Fertigung nach den hohen Schuler-Standards garantieren, sowie unser internationales Netzwerk mit hunderten von Service-Experten auf der ganzen Welt. Der Transport einer Pressenlinie von Europa nach China ist keine Option: Allein der Versand würde mit rund einer Million Euro zu Buche schlagen, Zölle in Höhe von zehn Prozent nicht eingerechnet. Entwicklung und Konstruktion sind jedoch nach wie vor an unserem Hauptsitz in Göppingen angesiedelt.

Weil in den vergangenen beiden Jahren der direkte, persönliche Austausch kaum möglich war, mussten viele unserer ausländischen Beschäftigten zwangsläufig selbstständiger und eigenverantwortlicher handeln. Das hat beiden Seiten durchaus gut getan. Jetzt ist es aber wieder an der Zeit, den Kontakt zu intensivieren.

Wie stellt Schuler die dafür notwendige Qualifikation der Fachkräfte weltweit sicher?

Kollegen aus dem Ausland sind regelmäßig bei Schuler in Deutschland zu Gast, um beispielsweise die Montage einer neuen Anlage beim Kunden zu verfolgen und daran mitzuwirken. In Pandemie-Zeiten haben wir auf unsere eigene Lösung „Schuler Connect“ zurückgegriffen: Ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin setzte sich eine Datenbrille mit einer Kamera auf, und das übertragene Videosignal ließ sich dann auf einem Bildschirm in Brasilien oder China mitverfolgen – das ist fast so, als wäre man live dabei. Darüber hinaus gibt es natürlich fest etablierte Schulungen; aber genauso wichtig ist es eben auch, Erfahrungen sozusagen am lebenden Objekt zu sammeln, auch wenn es nur virtuell über tausende Kilometer Entfernung ist.

Welche Rolle spielt und wie organisiert Schuler den weltweiten Wissenstransfer – auch hin zu den Kunden?

Für unsere Kunden haben wir in der Pandemie eine ganze Reihe von Online-Seminaren gestartet, vor allem über die Lösungen zur Vernetzung der Umformtechnik aus unserer „Digital Suite“. Dafür haben wir in unserem Hauptquartier ein kleines TV-Studio eingerichtet, das wir auch für interne Kommunikationsmaßnahmen rege nutzen. Die Rückmeldungen darauf sind hervorragend, weshalb wir dieses Angebot auch in Zukunft fortführen. Unsere Kunden haben darüber hinaus die Möglichkeit, an ihren Anlagen geschult zu werden. Dank des entsprechenden digitalen Zwillings ist das auch schon vor der Inbetriebnahme möglich: Das virtuelle Abbild ist genauso bedienbar wie die echte Presse – mit einem wichtigen Unterschied: Man kann nichts kaputt machen.

Seit Jahren glänzt China mit verlockenden Wachstumsraten – welche weitere Entwicklung erwarten Sie?

China bleibt meiner festen Überzeugung nach ein Wachstumsmarkt mit Raten weit über denen zum Beispiel in Europa. Konzentriert man sich auf die Automobilindustrie, findet ja eigentlich nur in China überhaupt noch ein Wachstum statt. Hinzu kommt der Wandel zur Elektromobilität, der überall auf der Welt vor sich geht, wenn auch in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Darauf müssen wir unseren Kunden eine Antwort geben, und das tun wir mit unseren Produkten auch. Ein Elektro-Auto benötigt ebenfalls Karosserie- und Strukturteile, allerdings deutlich weniger Komponenten für Antriebsstrang und Getriebe. Die große Frage ist, ob sich dieser Wegfall durch den Einstieg in andere Bereiche wie etwa der Produktion von Brennstoff- oder Batteriezellen kompensieren lässt.

Chinas Politik setzt auf mehr Autarkie – was bedeutet das für Schuler vor Ort?

Das bestätigt uns in der Strategie, unseren Auslandsgesellschaften mehr Eigenverantwortung zu übertragen. Schuler China kann seine Aufträge mittlerweile weitgehend selbstständig abarbeiten. Aus nationaler Sicht ist es gerade in diesen Zeiten verständlich, sich von äußeren Einflüssen möglichst unabhängig zu machen. China hat damit nur eine Entwicklung vorweggenommen, wie sie in den vergangenen Jahren weltweit um sich gegriffen hat und durch die Pandemie verstärkt wurde. Doch die Globalisierung ist nicht vollständig umkehrbar. Am effizientesten kann ein Unternehmen dann wirtschaften, wenn es die besten Ressourcen dort nützt, wo sie nun einmal vorhanden sind. Für Schuler bedeutet das, dass das Know-how und damit der Hauptsitz des Unternehmens in Deutschland bleibt.

Konzentriert man sich auf die Automobilindustrie, findet ja eigentlich nur in China überhaupt noch ein Wachstum statt.

Welche Pläne verfolgt Schuler für die Entwicklung des Unternehmens in China?

Mit der Übernahme des chinesischen Pressenherstellers Yadon haben wir 2015 die richtigen Weichen für den Zugang des chinesischen Marktes gestellt. Die Nachfrage für günstige Anlagen ist dort ungebrochen hoch. Doch das Interesse an High-Tec-Maschinen wie denen von Schuler wächst, weil auch der Anspruch an die Qualität der umformtechnisch hergestellten Produkte steigt – die makellosen und hochpräzisen Außenhautteile (Stichwort Spaltmaße) sind da nur ein Beispiel unter vielen. Mit der „Strongline“ haben wir jüngst eine hydraulische Linie zur Produktion von Leichtbaukomponenten sehr erfolgreich exklusiv in China platziert. Das wird sicherlich nicht die letzte Entwicklung für diesen Markt gewesen sein.

Stéphane Itasse
07.04.2022
von Stéphane Itasse