“Neue Dimension von Flexibilität und Organisationsfähigkeit”

Bernd Reitmeier im Gespräch über Chinas Industrie während und nach Covid 19

Bernd Reitmeier, Gründer und Geschäftsführer der Start-up Factory im chinesischen Kunshan, spricht über Chinas Industrie während und nach Covid19. Mit ihrem Konzept einer intelligenten Ressourcenteilung hat die Start-up Factory fast 40 kleine und mittelständische deutsche Unternehmen dafür gewonnen, in ihrem Industriepark rund 60 Kilometer von Shanghai entfernt mit einer lokalen Produktion zu starten. Reitmeier, lange Jahre Mitarbeiter der AHK in Shanghai, ist einer der erfahrensten deutschen Projektmanager, die in der Volksrepublik China aktiv sind. Sein Rat ist derzeit nicht nur den Industriepartnern der Start-up Factory gefragt, sondern auch bei Unternehmen in Deutschland.

Bernd, wir lesen: Chinas Industrie hat nach Covid-19 die Produktion wieder aufgenommen. Eine motivierende Erfolgsmeldung oder Tatsache?

Ja, China will und wird, da bin ich mir sicher. Doch noch liegen gewaltige Anstrengungen vor uns. Es gilt.in den Unternehmen immer noch, Schwierigkeiten des Alltags zu bewältigen – Schwierigkeiten, die wir uns bis vor kurzem nicht vorstellen konnten. Der Kampf gegen das Virus – das bedeutet eine ganz neue Welt der persönlichen, unternehmerischen und auch administrativen Selbstorganisation in China.

Wie und was läuft in der Start-up Factory in Kunshan schon wieder?

Derzeit sind – Stand 12. März – von unseren 38 Unternehmen alle wieder aktiv. Von den rund 300  Mitarbeitern sind in der Zwischenzeit wieder 270 an den Arbeitsplätzen eingetroffen oder haben sich bei ihren Unternehmen gemeldet. Viele haben riesige Wege und Umwege durch ganz China hinter sich, damit sie nach den verlängerten Neujahrstagen wieder nach Kunshan kommen konnten. Lediglich auf die Kollegen, die in der Provinz Hubei eingeschlossen waren, haben wir also wieder alle an Bord.  Und hier erwartete sie alles andere als die Normalität. Die Schulen bleiben geschlossen, die Eltern müssen sich um Kinder kümmern. Großeltern, die auch in China eine große Rolle bei der Betreuung von Kleinkindern spielen, sind entweder nicht  angereist oder wegen der Quarantäne nicht verfügbar. Home Office ist angesagt – aber nicht alle Firmen haben Online-Tools, um anfallende Arbeiten online und remote rationell erledigen zu lassen. Einfache Mitarbeiter in der Buchhaltung sind nicht mit den Top-Mitarbeitern von großen Kanzleien oder IT-Konzernen zu vergleichen. Nicht immer haben sie Notebooks und ausreichend schnelles Internet zu Hause.

Und die anhaltenden administrativen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sind ja auch noch gültig und zu berücksichtigen.

Das war und ist in der Tat eine im Deutschland dieser Tage kaum vorstellbare Dimension, mit der sich Partei und Staat, die Städte bis hinunter zu den Neighborhood Committees in den Wohnblocks der Aufgabe der Eindämmung gestellt haben. Ich nenne nur einige Beispiele. Exit Cards, die in den Wohnblocks pro Familie zweimal die Woche ausgegeben und abgestempelt werden, Fahrzeuge, die pro Wohnblock erlaubt sind oder desinfiziert für wichtige Fahrten bereitgestellt werden, die Versorgung mit Lebensmitteln, die fortlaufende Überprüfung von Anwesenheit und Krankenstand am Wohnort oder Arbeitsplatz, die Androhung drakonischer langjähriger Haftstrafen für falsche Angaben über den Aufenthaltsort – in Europa, wie man diese Woche sieht, kaum vorstellbar. Dafür hat man in China in jeder Stadt Tausende von Freiwilligen rekrutiert und motiviert, um das durchzusetzen.

Wie gehen Unternehmen mit diesen Einschränkungen für Mitarbeiter um? Welcher Aufsicht unterliegen die Betriebsführungen selber?

Es sind täglich neue Herausforderungen zu bewältigen. Was tun mit Mitarbeitern, deren Eigentumswohnung in einem Compound liegt, das sie nach der Rückkehr aus den Neujahrsferien nicht mehr betreten dürfen? Oder die Anforderung, dass für jeden Mitarbeiter, der zunächst in Quarantäne muss, für zwei Wochen ein Hotelzimmer gebucht wird. Gar nicht so einfach in einer “Kleinstadt” wie Kunshan mit seinen zwei Millionen Einwohnern und einem begrenzten Hotelkontingent. Für jedes Unternehmen gibt es in der Partei oder Verwaltung einen Ansprechpartner, der die wichtigsten Anordungen – die sich ja auch manchmal täglich ändern können- persönlich durchgibt. Und der sich auch kümmert, etwa wenn bei der einer anderen Behörde Bank etwas zu regeln ist oder wenn eine dringend nötige Kreditvergabe zu lange dauert.

Es sind täglich neue Herausforderungen zu bewältigen.

Was sind die derzeit wichtigsten Regelungen, die ein finanzielles Überleben der Unternehmen und die Wiederaufnahme der Produktion sichern sollen?

Dazu gehört sicher, dass die Sozialversicherungsbeiträge für fünf, sechs Monate vom Unternehmen rückerstattet werden können. Wichtig ist auch die  Unterstützung bei den finanziellen Regelungen mit den Banken, bei den dafür nötigen Statements über Kreditwürdigkeit. Außerdem sind theoretisch Reduzierungen der Gehälter machbar für die Abwesenheit durch angeordnete Quarantäne. Nach Abbau von Überstunden und der Verrechnung von Urlaubstagen wäre theoretisch eine Reduzierung auf ein Minimaleinkommen von nur noch 2000 RMB möglich. Das wollen wir in der Start-up-Factory aber nicht. Die Mitarbeiter haben genügend Probleme, die sie lösen müssen, und wir wollen sie auch unbedingt halten.

Wie lange wird dieser Prozess dauern und wie fit werden Chinas Unternehmen auch durch die Erfahrungen dieser Krise sein?

Flexibilität und Organisationsfähigkeit sind ohnehin ein herausragendes Merkmal der chinesischen Unternehmen. Sie werden zunehmen. Dass in China in kurzer Zeit rund 4000 Betriebe auf die Produktion dringend benötigter medizinischer Produkte umgestellt haben, dass große Konzerne wie SAIC oder Foxconn zu Selbstversorgern in Sachen Atemmasken oder Schutzkleidung wurden, ist bemerkenswert. Bereits am 5. Februar hat  Foxconn für seine 1,2 Millionen Mitarbeiter Masken selbst produziert. Dazu kommt die unglaubliche Offenheit und Schnelligkeit bei der Anwendung von Kommunikationstechnologie. Auch die hat sich im Lockdown entwickelt. Man kann mit einer fünstelligen Code-Nummer von der Telefongesellschaft ein Protokoll der Einwahlpunkte und ein perfektes Geo-Tracking bekommen. Es gibt eine App zur Erfassung Erkrankter in einer Lokation. Es gibt QR-Codes, die man in Alipay-Zahlungsapps erfasst, die für die Reisedokumentation oder Zugang zum Supermarkt notwendig sind. Vieles, was jetzt in den Unternehmen beim Arbeiten und Lernen entwickelt und erprobt wurde, ist noch gar nicht bekannt. Für eine intelligente und vernetzte Produktion, für die wir ja mit unserem Verbund in der Start-up Factory aktiv sind, wird das einen starken Schub bedeuten. 

AR-Brille im Einsatz – Technologie ersetzt Reise

Als sich die Situation von Covid-19 innerhalb Chinas verbesserte, begannen viele Unternehmen ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Auch  M-Tech Machinery (Kunshan) Co. Ltd. , Mitglied der Startup Factory, hat Mitte Februar die Montage ihrer “combiloop”-Hochdruck- und Filtereinheit zur Reinigung von Kühlschmiermittel wieder aufgenommen.

Allerdings haben sie – wie viele andere auch – Probleme, das nötige Know-how ans Band zu bringen. Aufgrund der eingeschränkten Reisetätigkeit kann der Projektleiter aus Deutschland den Standort Kunshan nicht besuchen und professionelle Techniker befinden sich noch immer in Quarantäne.

Um dieses Problem zu lösen und den Produktionsstart zu beschleunigen, nutzt Startup Factory seine intelligente Produktionsplattform (Smart Factory Kunshan), um M-Tech Kunshan mit ferngesteuerten Augmented-Reality-Brillen auszurüsten.

Die vom Smart Factory Kunshan-Partner LLVISION an den Markt gebrachten AR-Brillen lösen die Notwendigkeit der berührungslosen Arbeit unter der aktuellen Epidemiesituation perfekt. Die technischen Mitarbeiter in Kunshan können durch das Tragen einer AR-Brille und die Fernverbindung zu erfahrenen Ingenieuren und dem Projektleiter in der deutschen Zentrale von Müller Hydraulik eine Diagnose stellen. Durch ihre gemeinsame Sicht auf die Montage in Echtzeit können technische Probleme leicht gelöst werden, ohne dass die ausländischen Experten vor Ort sind.

Dieser Fall des Einsatzes von AR zeigt das Potential von Industrial IoT-Lösungen in der Praxis und wird in vielen weiteren Fällen extern für Fernwartungsaufgaben beim Kunden intern für Fernbeiträge ausländischer Ingenieure zur Lösung der aktuellen Probleme und zur Vermeidung unnötiger direkter Kontakte eingesetzt werden. Dies ist ein Beitrag, um die Prävention und Kontrolle von Epidemien sicherer und zuverlässiger zu machen.

In der Epidemie-Situation helfen intelligente Anwendungsfälle der Produktion! Startup Factory und Smart Factory Kunshan hoffen, in Zukunft mehr und mehr gute Anwendungsfälle für KMUs zu liefern!

 

Hans Gäng
13.04.2020
von Hans Gäng