Sabine Scheunert: “Europas Industrie braucht neue Flügel”

Im Gespräch über Technologieakzeptanz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit: Sabine Scheunert, Vorsitzende der Geschäftsführung in Zentraleuropa bei Dassault Systèmes

Frau Scheunert, Ihr beruflicher Weg führte Sie von BMW über PSA/Dongfeng – wo Sie als erste Frau eine Automarke in China leiteten – zu Mercedes-Benz und heute zu Dassault Systèmes. Mit dieser internationalen Führungserfahrung: Welche Unterschiede in den Unternehmenskulturen haben Sie wahrgenommen? Und inwiefern beeinflussen diese Unterschiede die Technologieakzeptanz, die Experimentierfreude und letztlich das Innovationstempo in den jeweiligen Industrieregionen?

Wer Innovation international betrachtet, erkennt unterschiedliche Stärken der Regionen. In China greifen Entscheidung und Umsetzung unmittelbar ineinander – kurze Wege, hohe Fehlertoleranz, schnelle Iterationen. Deutschland steht für Qualität, Sicherheit und Prozessdisziplin; hier wird gründlich abgestimmt, bevor skaliert wird. Frankreich und Europa bringen eine starke Engineering- und Designkultur sowie das Bewusstsein für technologische Souveränität ein. Entscheidend ist für mich nicht das Entweder-oder, sondern die Kombination der Stärken: Tempo aus Asien, Qualitätsmaßstab aus Deutschland sowie der europäische Anspruch, Technologie verantwortungsvoll und nachhaltig zu gestalten. Jedes Unternehmen sollte auf diese drei Elemente setzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben, Innovationen erfolgreich umzusetzen und gleichzeitig höchsten Qualitäts- sowie Nachhaltigkeitsstandards gerecht zu werden.

Welche Herausforderungen stellen sich hier für Unternehmen in Europa – und welche Rolle spielt dabei die Virtualisierung von Prozessen?

Die Herausforderungen sind vielfältig: steigender Kosten- und Energiedruck, komplexe Regulierung, Fachkräftemangel und volatile Lieferketten. Genau hier setzt die Virtualisierung von Prozessen an. Mit unserer Virtual-Twin-Technologie werden Produkte, Prozesse und ganze Systeme digital abgebildet, um Szenarien zu simulieren, Prozesse zu optimieren und Ausschuss zu reduzieren, bevor die Produktion überhaupt beginnt. Es geht nicht mehr um Bauchgefühl, sondern um belastbare Evidenz über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Das Ergebnis: kürzere Entwicklungszyklen, robustere Lieferketten und messbare Nachhaltigkeitsgewinne durch weniger Material- und Energieeinsatz.

Virtualisierung hilft Prozesse zu optimieren, bevor die Produktion überhaupt beginnt. Es geht nicht mehr um Bauchgefühl, sondern um belastbare Evidenz.

Dassault Systèmes verschreibt sich mit Erfolg der Entwicklung und Bereitstellung von Plattformen für das Wissensmanagement. Wie lässt sich Ihr grundsätzlicher Ansatz beschreiben?

Know-how ist der Treibstoff für Innovationen und ermöglicht es Teams, schnell und fundiert Entscheidungen zu treffen. Auf der 3DEXPERIENCE Plattform bündeln Unternehmen Daten, Erfahrungen und kreative Ansätze in einer einzigen Umgebung, von der Idee über die Entwicklung bis hin zu Produktion und Betrieb. Virtuelle Zwillinge, Simulationen und KI machen Wissen nutzbar, Entscheidungen nachvollziehbar und Best Practices über Teams, Standorte und Unternehmen hinweg skalierbar. Mit der neuesten KI-integrierten Generation, den 3D UNIV+RSES, gehen wir noch einen Schritt weiter: Wir verbinden mehrere virtuelle Zwillinge über Unternehmensgrenzen und Lebenszyklen hinweg, sodass Wissen zielgerichtet genutzt und Innovationen noch schneller umgesetzt werden können.

Wie managen Sie die mittlerweile erhebliche Bandbreite der Kundensegmente – über die einzelnen Produkte, die einzelnen Branchen und vor allem über die unterschiedlichen Unternehmensgrößen, vom Start-up bis zur Volkswagen Group, hinweg?

Wir begegnen der Vielfalt unserer Kunden mit einem einfachen Prinzip: Flexibilität auf allen Ebenen. Unsere modulare 3DEXPERIENCE Plattform ist über Unternehmensgrößen und Branchen hinweg skalierbar. Start-ups steigen schnell und effizient in die Cloud ein, Mittelständler standardisieren Prozesse zügig, Großunternehmen nutzen die komplette End-to-End-Durchgängigkeit und machen sich ihren enormen Datenschatz zunutze.

Start-ups sind echte Innovationstreiber; sie setzen auf Tempo, radikale Ideen und Mut. Für uns sind sie essenziell,  denn sie bringen neue Impulse in unsere Ökosysteme

Welche Bedeutung haben Start-ups für Dassault Systèmes, und wie stellen Ihre Lösungen sicher, dass Wissen und Innovation über Unternehmen, Standorte und gesamte Ökosysteme hinweg geteilt und vorangetrieben werden?

Start-ups sind echte Innovationstreiber; sie setzen auf Tempo, radikale Ideen und Mut. Für uns sind sie essenziell, weil sie neue Impulse, unkonventionelle Ansätze und frisches Know-how in unsere Ökosysteme bringen. Mit unserem internationalen Innovations- und Start-up-Labor, dem 3DEXPERIENCE Lab, bieten wir Start-ups Zugang zu unserer 3DEXPERIENCE Plattform – und ermöglichen ihnen zusätzlich Mentoring sowie den Austausch in einem starken Netzwerk. Auf dieser Basis können junge Teams Prototypen entwickeln, Wissen teilen und ihre Ideen nahtlos in marktfähige Lösungen überführen. Damit lassen sich Ideen in reale Produkte und messbare Erfolge verwandeln.

Welche internen Voraussetzungen braucht ein mittelständisches Unternehmen, um die Neugestaltung von Entwicklungsprozessen schnell umzusetzen, ohne dass sie zu einem langwierigen, ressourcenintensiven Projekt wird? Welche Rollen, Abteilungen oder Kompetenzen müssen eingebunden werden, damit aus der Transformation ein beschleunigter Time-to-Market-Prozess wird?

Erfolg bei der Neugestaltung von Entwicklungsprozessen beginnt bei der Unternehmensspitze: Digitale Transformation muss klar in der Strategie verankert sein und vom Management aktiv vorangetrieben werden. Wichtig sind kurze Entscheidungswege, klare Verantwortlichkeiten und ein starkes Transformationsteam, das alle relevanten Bereiche einbindet – von F&E über Produktion und Qualität bis hin zu IT und Vertrieb. Darüber hinaus braucht es agile Methoden und eine Kultur, die schnelle Iterationen und kontinuierliche Verbesserung unterstützt. Digitale Tools und moderne Prozessmethoden ermöglichen es, neue Abläufe schnell zu implementieren, effizient zu steuern und die Time-to-Market deutlich zu verkürzen.

Europa muss die Industrie nicht retten: Digitalisierung ist ein entscheidender Hebel, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern,Entwicklungsprozesse zu beschleunigen und Innovationen schneller in marktfähige Produkte zu überführen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Industrie in Europa? Bestätigt das Feedback Ihre These, dass Digitalisierung ein Schlüssel sein kann, um die Deindustrialisierung aufzuhalten?
Europa muss die Industrie nicht retten – wir müssen ihr neue Flügel verleihen. Dabei ist Digitalisierung ein entscheidender Hebel, um die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Sie ermöglicht es Unternehmen, Entwicklungsprozesse zu beschleunigen, Wissen über Standorte und Partner hinweg zu nutzen und Innovationen schneller in marktfähige Produkte zu überführen. Das Feedback unserer Kunden bestätigt: Wer auf Digitalisierung setzt, verkürzt Produkteinführungszeiten, steigert die Effizienz und kann damit auch gegen die Deindustrialisierung ansteuern. Die digitale Transformation schafft die Voraussetzung, dass die europäische Industrie nicht nur erhalten bleibt, sondern international wettbewerbsfähig und innovationsstark agieren kann.

Diversität ist kein „Nice-to-have“, sondern ein echter Innovationsfaktor. Unterschiedliche Perspektiven steigern die Lösungsqualität

Zusatzfrage speziell für das deutsch-französische Publikum: In beiden Ländern liest man häufig von den Herausforderungen bei Kooperationen. In Technologieunternehmen jedoch – mit international zusammengesetzten Teams, globalem Mindset und wachsender Diversität, einschließlich der Rolle von Frauen in Führungspositionen – nivellieren sich diese Unterschiede nicht längst? Werden diese Faktoren heute nicht eher zu verbindenden Elementen?

In Tech-Unternehmen rücken Arbeitsweisen immer mehr zusammen: Teams arbeiten global, nutzen dieselben Plattformen und treffen Entscheidungen gemeinsam. Gleichzeitig bleiben kulturelle Unterschiede bestehen, von denen Teams profitieren können, indem sie neue Denkweisen und Ansätze integrieren. So werden Teams agiler, kreativer und können Ideen schneller in die Realität umsetzen. Diversität ist dabei kein „Nice-to-have“, sondern ein echter Innovationsfaktor. Unterschiedliche Perspektiven steigern die Lösungsqualität – besonders wenn der Einsatz von bahnbrechenden Technologien wie KI und virtuelle Zwillinge neue Freiheitsgrade eröffnet.

Das Interview erschien erstmals in der Sonderausgabe Baden-Württemberg” des deutsch-französischen Wirtschaftsmagazins “Acteurs du franco-allemand“. 
01.12.2025
von Editorial Team
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