HANNOVER MESSE 2026: Brasiliens großer Auftritt
Das Partnerland zeigt das breite Ökosystem seiner industriellen Produktion
Ein Partnerland der Hannover Messe zu sein, heißt: Einen politisch auf allen institutionellen Ebenen gewollten und in der Industrie des Landes lange vorbereiteten großen Auftritt hinzulegen. Und dabei die Ambition und die Fähigkeit zu haben, der Welt das gesamte industrielle Ökosystem der Nation zu zeigen. 2026 ist damit endlich Brasilien an der Reihe. Das Land will zeigen, was es technologisch kann und sich industriepolitisch vorgenommen hat – in einer Weltlage, in der zuverlässige Partner zählen wie selten zuvor.
Nicht wenige Messen haben ein Format für ein „Gastland“. Dieses wird dann kommunikativ hervorgehoben und schickt meist auch einige hochrangige Vertreter, vielleicht sogar einen Minister. Einen? Das Partnerland auf der Hannover Messe ist ein ganz anderes Kaliber. Es ist auf der immer noch bedeutendsten Industriemesse der Welt eine umfassende, politisch auf allen beteiligten institutionellen Ebenen gemeinsam mit den relevanten Industrieverbänden getragene Präsentation der gesamten industriellen Kompetenz eines Landes. Auch Brasilien will in Hannover den Beitrag seiner Volkswirtschaft zur produktiven globalen Wertschöpfung deutlich machen.
Seit der damalige Messechef Sepp Heckmann das Format 2005 in dieser industriepolitischen Dimension aus der Taufe hob, haben sich mehrere Event-Konstanten herausgebildet, die nun auch für Brasiliens großen Auftritt den Rahmen bilden.
Immer noch und zuerst: Messe. Die Ausstellungsbeteiligung des Partnerlands zu unterschiedlichen Themen über mehrere Hallen hinweg – und ein zentraler Messestand mit eigener, großer Veranstaltungsbühne
Dann die politische Spitzenbeteiligung auf Ebene der Regierungschefs – bei der feierlichen Eröffnung und beim gemeinsamen „Kanzlerrundgang“ am ersten Messetag.
Ministerkonferenzen, hochrangig besetzte Konferenzen der Spitzenverbände, unzählige Delegationen, Teilnahme des Partnerlands an allen relevanten Fachforen.
Eine ausgedehnte Presseberichterstattung ins Partnerland und nicht zu vergessen: Anschlussreisen und ‑Delegationen der Aussteller in die deutschen Bundesländer.
Für Hannover ein fast natürlicher Ablauf: Alle Regierungschefs sagen zu
Für 2026 hat – für die Hannover Messe ein fast natürlicher Ablauf – Brasiliens Präsident Lula da Silva zugesagt: Am Eröffnungssonntag wird er gemeinsam mit Bundeskanzler Friedrich Merz die Messe eröffnen. Wie ernst die Industrienationen die Partnerland-Beteiligung in Hannover nehmen, zeigt eine Tatsache: Seit 2005 hat nur ein einziger Regierungschef die Eröffnung nicht persönlich wahrgenommen – Silvio Berlusconi, wegen des isländischen Vulkans, der 2010 den europäischen Luftraum lahmlegte.
Natürlich führt der geplante Rundgang gemeinsam mit dem Bundeskanzler nicht nur zu den brasilianischen Ständen, sondern auch zu deutschen “Platzhirschen” der Messe wie Siemens, Festo, Lapp, Phoenix Contact. Traditionell bereiten sich die Global Players bei der Standgestaltung auf ein Partnerland vor. Die Chefs der eigenen Ländergesellschaften im Partnerland sind immer an Bord.
BRASILIEN 2026: DYNAMIK IM GEOPOLITISCHEN KONTEXT
Brasilien war bereits im älteren, bescheideneren Format der 80er Jahre das erste Partnerland der Messe überhaupt. 2012 war Brasilien wieder da: allerdings auf dem seligen Ableger der Hannover Messe, der einst globalen deutschen Digitalmesse CeBIT. Auch diese hatte den Auftritt eines Partnerlands zu neuer und großer Dimension geführt. Präsidentin Dilma Rousseff machte damals sehr selbstbewusst deutlich, dass Brasilien zu einer Führungsnation der neuen digitalen Welt gehören wollte. In ihrem IT-Tross damals dabei und übrigens auch 2026 wieder in Hannover: Der bescheidene Garagen-Gründer Marco Stefanini, der heute weltweit nicht weniger als 32.000 Mitarbeiter in 41 Ländern beschäftigt.
„Kein ernsthafter Ansatz zu Diversifizierung und Resilienz kann Brasilien ausklammern – und keiner kann Deutschland ausklammern.“

Hannover Messe Preview 2026, Halle 19, Saal New York, H.E. Rodrigo Baena Soares, Botschafter Brasiliens in Deutschland
2026 kommt Brasilien nun mit sehr vielen ambitionierten Unternehmen zurück – in einem weltwirtschaftlich wohl historischen Moment. Globale industrielle Lieferketten reißen ab und müssen neu geordnet werden. Dekarbonisierung ist kein frommes Fernziel mehr, sondern industrieller Imperativ, gerade auch für Brasilien. Und geopolitische Verlässlichkeit ist handelspolitisch zu einem zentralen Faktor geworden.Genau diesen Kontext sprach Rodrigo Baena Soares, der brasilianische Botschafter in Deutschland, bei der Messe-Vorschau in Hannover an: „Kein ernsthafter Ansatz für Diversifizierung und Resilienz kann Brasilien ausklammern – und keiner kann Deutschland ausklammern.“
Brasilien wird mit zahlreichen Ministern präsent sein, die sich mit ihren Amtskollegen aus Deutschland zu Regierungskonsultationen treffen. Auf der Messe findet auch das Deutsch-Brasilianische Wirtschaftsforum statt, ebenfalls mit hochrangiger Beteiligung beider Länder. Thema dort wird auch das Programm Nova Indústria Brasil sein, mit dem die Regierung Lula seit 2024 eine Strategie der Reindustrialisierung verfolgt.
DIHK-Umfrage bei Exportunternehmen sieht im Mercosur einen ‘Lichtblick’
Die deutsche Neubesinnung auf Brasilien basiert auf einer jahrzehntelangen Präsenz deutscher Unternehmen im Land. Allein zwischen Januar und September 2025 wurden 41 neue deutsche Investitionsprojekte in Brasilien mit einem Gesamtvolumen von 3,5 Milliarden US-Dollar angekündigt – mehr als 90 Prozent davon im verarbeitenden Gewerbe und im Energiesektor. Volkswagen erweitert sein Werk in São Bernardo do Campo für 1,26 Milliarden US-Dollar; Siemens Energy investiert 1,5 Milliarden in ein Kraftwerksprojekt im Bundesstaat Rio de Janeiro.
Das endlich in Kraft gesetzte Mercosur-Abkommen mit der EU weckt Hoffnungen für eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die dafür von der EU aufgewendeten 25 Verhandlungsjahre hat Volker Treier, als Außenwirtschaftschef des DIHK mit den deutschen Auslandshandelskammern Stammgast und Partner der Hannover Messe, ungeduldig kritisiert: „Wer Partnerschaften ankündigt, muss sie auch umsetzen. Gerade in Zeiten wachsender Unsicherheiten braucht es verlässliche und belastbare Handelsbeziehungen.“ Treier konnte diese Woche bei der Vorstellung der DIHK-Umfrage “Going International” Umfrage unter 2500 international aktiven Unternehmen vermelden, dass neben Indien nur noch bei der Mercosur-Region deutlich positive Geschäftsperspektiven gesehen werden.
APEX: Ob Dekarbonisierung, Digitalisierung oder Energieeffizienz – Brasilien ist bereit.
Die Handels- und Investitionsagentur APEX Brazil koordiniert in Zusammenarbeit mit SEBRAE und der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer in São Paulo sowie Branchenverbänden aus verschiedenen brasilianischen Bundesstaaten die Gesamtpräsentation. Bei der Preview im Februar brachten die APEX-Verantwortlichen Márcia Nejaim und Alex Figueiredo Brasilien als dynamischen Partner eines industriell verunsicherten Deutschlands in Stellung. Ihr flammender Dialog ließ die sonst üblichen Powerpoints von Wirtschaftsförderern vergessen. Alex Figueiredos Resümee: „Brasilien wird liefern. Wir sind bereit zur Zusammenarbeit, zu Investitionen und zu gemeinsamen Innovationen. Ob Ihre Prioritäten nun Dekarbonisierung, Digitalisierung oder Energieeffizienz sind – Brasilien ist bereit.”
BRASILIEN AUF DER HANNOVER MESSE 2026
Die Kernzahlen: 2.660 m² Ausstellungsfläche, 140 Aussteller, die rund 300 Unternehmen in sechs Hallen repräsentieren. 59 Startups und 10 F&E-Institutionen Brasiliens. Highlights:
Halle 11 zeigt das Innovationsökosystem: Start-ups, F&E-Institutionen und SENAI – das nationale Ausbildungsinstitut der brasilianischen Industrie.
Halle 12 ist der Schwerpunkt für Energie, mit 30 Unternehmen rund um erneuerbare Energien, Biokraftstoffe und Elektrifizierung. WEG, einer der weltgrößten Hersteller elektrischer Maschinen, ist dabei. Der Minengigant Vale zeigt neue Technologien für kritische Rohstoffe. Und natürlich zeigen auch das Luftfahrt-Paradeunternehmen Embraer und Eve Air Mobility Lösungen für urbane Luftmobilität.
Halle 16 widmet sich ICT und Smart Manufacturing – mit Unternehmen wie Stefanini, das seit dem ersten Besuch seines Gründers noch einmal einen Quantensprung – gerade in Europa – hingelegt hat.
Halle 17 bringt Maschinenbau und Industriekomponenten, ergänzt durch einen besonderen Programmpunkt: eine live ausgetragene WorldSkills-Simulation zwischen brasilianischen und deutschen Teams.
Brasilien fügt sich damit ein in das räumlich doch sehr stark geänderte Gefüge der Hannover Messe 2026. Diese hat sich stark westwärts bewegt, die Hallen im Osten des Geländes werden nicht genutzt. Das bringt auch das Convention Center, lange der Dreh- und Angelpunkt des Konferenzgeschehens in eine gewisse Randlage. Richtig Rampenlicht gibt es dafür jetzt in der neuen Center Stage in der nördlichen Halle 25 – einer echten Weltbühne der Hannover Messe, die das Team um Michael Rose fast ein wenig wie ein Revival der legendären Global Conferences der CeBIT organisiert hat.
Köckler: Wir sollten nicht nur über geopolitische Herausforderungen sprechen, sondern vor allem über geopolitische Chancen.
Auch Kanzler Merz, Rheinmetall-Chef Pappberger und Boris Pistorius werden dort auftreten. Zur zelebrierten industriellen Zeitenwende Deutschlands könnte der Auftritt des brasilianischen Präsidenten Lula geopolitisch ein interessanter Kontrast werden. Aber auf genau diese Bandbreite setzt Messechef Jochen Köckler wohl mit seinem Ansatz: “Wir sollten nicht nur über geopolitische Herausforderungen sprechen, sondern vor allem über geopolitische Chancen.” Es ist ja schließlich auch der agil-friedliche Handelsgott Hermes, der seit Jahrzehnten das Dach und das Logo der Weltmesse in Hannover ziert.
Die Präsenz des Partnerlands soll nachhaltig und also wiederkehrend sein
Wenn dann bei Merz und Lula endlich die Blitzlichter zucken und Kameras surren, kommt eine über viele Jahre dauernde Vorbereitung des Partnerlands durch das Messe-Team zum Abschluss. Welch geduldige Vertriebsarbeit dafür vorher erfolgreich gelaufen sein muss, hat Marco Siebert, einer der Architekten des Partnerland-Konzepts bei der Deutschen Messe AG, in einem Gespräch mit uns beschrieben. Es gehe dabei bei weitem nicht nur um die durchaus herausfordernde Ansprache politischer Entscheidungsträger im Partnerland und auch in Deutschland: “Genauso wichtig sind die Partnerschaften in den privaten Sektor mit den für uns interessanten Industrieverbänden.” Immerhin ist die Hannover Messe immer noch Messe – und findet auch im Folgejahr, nach dem Partnerland-Hype, statt. Die Präsenz des Partnerlands soll nachhaltig und also wiederkehrend sein.
Wenn die Messe losgeht, fühlt sich Marco Siebert für den beträchtlichen Reise- und Gesprächsaufwand im Vorfeld belohnt: „Dann stelle ich mich in den Gang und beobachte nur: wie die Menschen Geschäfte machen, wie sie zusammensitzen. Inder mit Brasilianern, Amerikaner mit Brasilianern – Politik ist außen vor, es geht um Menschen, um Industrie.“
