Joachim Ladra: “Beim Wasserstoff hat Europa technologischen Vorsprung. Noch.”
Wasserstofftechnologie braucht ein gut organisiertes industrielles Ökosystem, analysiert Joachim Ladra von cellcentric.
Der vielfach erhoffte Durchbruch von Wasserstoff in der Industrie lässt noch auf sich warten. Das hindert cellcentric nicht daran, die Technologie weiterzuentwickeln und im Markt für mobile und stationäre H2-Lösungen seine Technologie zur Anwendung zu bringen und zudem den weiteren Ausbau des H2-Ökosystems mit voranzutreiben. Joachim Ladra im Gespräch über den Impuls, den das Unternehmen der Industrie auf der HANNOVER MESSE 2026 geben will.
Bei unserem letzten Gespräch vor drei Jahren waren Sie von positiven Momenten für die Wasserstofftechnologie überzeugt: Marktreife, Infrastruktur, politische Rahmenbedingungen – alles schien zu werden. Was hat dann den Markt gebremst?
Ich glaube, alle drei Faktoren haben sich seither tatsächlich in die richtige Richtung entwickelt. Die technologische Entwicklung ist weiter vorangeschritten – unsere neue Brennstoffzellengeneration ist da eines von vielen Beispielen. Im Bereich der Infrastruktur ist viel passiert, Wasserstoff-Produktionskapazitäten werden ausgebaut, politische Rahmenbedingungen haben sich gut entwickelt. Aber ich gebe zu: Wir haben bisher noch nicht den Weg durch die Decke gefunden.
Das liegt nicht an einem einzelnen fehlenden Faktor, sondern am noch unzureichenden Verzahnen dieser Faktoren miteinander. In einem Bild: Die Puzzlestücke liegen alle auf dem Tisch – aber wir haben sie noch nicht sauber zu einem gesamtheitlichen Bild zusammengefügt. Wasserstoff ist ein neuer Energieträger, der mit verschiedenen Technologien in verschiedene Wertschöpfungsbereiche hineinragt. Die Komplexität dahinter haben wir – selbstkritisch gesagt – alle unterschätzt. Also jetzt und immer noch: Ärmel hochkrempeln.
Wir haben die Puzzlestücke noch nicht sauber zu einem gesamtheitlichen Bild ineinander gefügt.
War bei cellcentric deshalb ein Strategiewechsel nötig? Wie ordnen Sie die Zurückstellung des Standortausbaus ein?
Strategiewechsel ist vielleicht zu viel gesagt – aber wir haben unsere Planungen anpassen müssen, das ist unstrittig. Auf der produktstrategischen Ebene haben wir den Ansatz verworfen, unser 150-kW-System in eine automobile Großserie zu bringen. Nicht weil wir kein gutes Produkt haben – ganz im Gegenteil, wir sind sehr stolz auf die Performance, die das System heute beim Kunden zeigt. Aber auch das beste Produkt wird kein kommerzieller Erfolg, wenn die Rahmenbedingungen für seinen Einsatz noch nicht gegeben sind.
Die Konsequenz für uns hieß aber nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Stattdessen haben wir alle Innovationen, die wir parallel zur Serienentwicklung in unseren Vorentwicklungsbereichen reifen lassen konnten, direkt in das nächste Projekt gegossen. Das ist unser NextGen-System, das wir jetzt auf der Hannover Messe 2026 erstmals in physischer Hardware der Öffentlichkeit präsentieren werden.
Unsere Pilotfabrik in Esslingen, eingeweiht im Sommer 2024, leistet seitdem wertvolle Dienste. Sie ist nach automobilen Großserienmaßstäben konzipiert. Wenn der Markt anzieht, können wir schnell skalieren. Und genau deshalb halten wir auch weiterhin am neuen Standort Weilheim/Teck fest. Das wird, angepasst an die Marktnachfrage, die nächste Ausbaustufe sein.
Das beste Produkt wird kein kommerzieller Erfolg, wenn die Rahmenbedingungen für seinen Einsatz noch nicht gegeben sind.
Die Hannover Messe ist ja keine reine Mobilitätsmesse. Steht Ihr Auftritt hier für eine neue Priorität stationärer industrieller Anwendungen?
In Hannover steht unsere neue physische Hardware im Vordergrund. Wir präsentieren sie aber ganz bewusst nicht nur für die Anwendung im Langetrecken-LKW, auf den die Hardware optimiert ist. Das war schon immer eine strategische Ratio bei cellcentric: Skaleneffekte durch hohe Stückzahlen im Nutzfahrzeugbereich und darüber hinaus zu erreichen, um die Technologiekosten auf ein wettbewerbsfähiges Niveau zu bringen. Unser NextGen-System eignet sich von seinen Spezifikationen her auch sehr gut für andere Anwendungsbereiche: stationäre Energieerzeugung, Industrie, Bahnverkehr, Reisebusse, schweres Offroad-Equipment. Und ja: Das gesamte Ökosystem im Wasserstoff trifft sich in Hannover. Die Plattform werden wir intensiv für Gespräche, für den Aufbau und die Weiterentwicklung von Partnerschaften nutzen.
Auf welche konkreten Bedarfe setzen Sie im stationären und industriellen Bereich?
Wir sehen zwei Schneisen für den Wasserstoff. Die erste: ein steigender Energiebedarf, mit dem das Stromnetz in vielen Teilen der Welt Schwierigkeiten hat, Schritt zu halten. Rechenzentren sind ein prominentes Beispiel – Anwendungen, die sich vom Stromnetz lösen müssen, um ihren Energiebedarf überhaupt noch decken zu können. Da stellt sich ernsthaft die Frage: Dieselgenerator? Kleines Kraftwerk? Oder Wasserstoff und Brennstoffzelle, um lokal Energie zu erzeugen, die das Netz nicht liefern kann?
Die zweite Schneise ist der Faktor Flexibilität. Wo zunächst gar keine Infrastruktur vorhanden ist, weil sie ja erst erzeugt werden muss: Auf Baustellen beispielsweise sind der Wasserstoff und die Brennstoffzelle eine sehr wertvolle Lösung.
Wir sind noch im Rennen – auf einer technologischen Ebene haben wir in Europa definitiv noch einen Vorsprung. Das Schlüsselwort in diesem Satz ist: noch.“
Energie ist global derzeit das heißeste Thema: Wie sehen Sie die globalen Märkte für Wasserstoff-Technologie?
Die Welt hat sich in dieser Frage sehr divers entwickelt. In Europa haben wir viele vielversprechende Initiativen – aber wir sind enorm langsam. Nordamerika: Das Thema Dekarbonisierung ist in der politischen Agenda zwar ein Stück nach unten gerutscht. Aber unsere Gesprächspartner und Kunden dort haben sich keineswegs einfach verabschiedet – sie haben nur eine andere zeitliche Perspektive. Japan und Korea spielen seit jeher eine große Rolle, kämpfen aber mit ähnlichen Herausforderungen wie wir in Europa. Und dann China: Dort funktioniert das Puzzlebild im Moment wirklich gut – klarer wirtschaftspolitischer Ansatz, starkes staatliches Backing, durchdachte Orchestrierung der verschiedenen Sektoren. China ist der Fleck auf der Erde, wo wir Wasserstoff-Technologien schon im breiten Einsatz sehen. Über stimulierte Binnennachfrage ist eine Skalierung möglich, über die chinesische Anbieter in wenigen Jahren hochwertige Produkte zu sehr wettbewerbsfähigen Preisen auf dem Weltmarkt anbieten werden. Wir sind de facto in einem Rennen. Auf einer technologischen Ebene haben wir in Europa noch einen Vorsprung. Betonung liegt auf: noch.
Mit erneuerbaren Energien das Wirtschaftswachstum sichern, die Technologie im eigenen Land entwickeln und zum Energieexporteur werden:Brasilien schlägt drei Fliegen mit einer Klappe!
Brasilien rückt auf der Hannover Messe seine Wasserstoffstrategie ins Rampenlicht – und Ihre beiden Gesellschafter Daimler Truck und Volvo Group sind in Brasilien bereits stark präsent. Was bedeutet das für cellcentric?
Aktivitäten in Richtung Wasserstoffproduktion, egal wo in der Welt, sind aus unserer Sicht enorm willkommen. Europa wird auch bei einem vollständigen Umstieg auf Erneuerbare von Energieimporten abhängig bleiben. Wir haben schlicht nicht genug eigene erneuerbare Energie, um unseren Energiehunger zu stillen. Aber: Es gibt mehr Ecken in der Welt, in denen erneuerbare Energien erzeugt werden können, als Regionen, die fossile Energien haben. Und das hat auch geopolitische Vorteile. Wir sprechen dabei nicht nur über cellcentric-Brennstoffzellen für LKW, Züge oder stationäre Anwendungen. Wir sprechen über Stahl, Chemie, Glas – ganze Industrien, die ihren Weg zur Dekarbonisierung nur finden, wenn Wasserstoff in ausreichendem Volumen und zu vertretbaren Preisen verfügbar ist. Brasilien ist eines von vielen Ländern, die sich perspektivisch für grünen Wasserstoff in eine enorm gute Position als strategische Partner bringen. Brasilien stellt das sehr clever an. Mit erneuerbaren Energien kann es gleichzeitig das eigene Wirtschaftswachstum sichern, kann die Technologie im eigenen Land entwickeln und zum Energieexporteur für Europa und andere Teile der Welt werden. Drei Fliegen mit einer Klappe! Ja, auch unsere Muttergesellschaften Daimler Truck und Volvo Group sind in Brasilien im Wortsinn gut unterwegs. cellcentric-Brennstoffzellen für LKWs, Reisebusse, Züge, Minenfahrzeuge – Anwendungsfelder in Brasilien, die definitiv von Interesse sind.
