Globale Lieferketten: Ungewissheiten nehmen zu

Die Auswirkungen der Corona-Epidemie auf Lieferketten und die Auslandsproduktion: Online-Umfrage der Hochschule Karlsruhe bei 655 Unternehmen spiegelt aktuelle Verunsicherungen.

Die weltweite Corona-Epidemie hat auch ungeahnte Auswirkungen auf die globale Wirtschaft. Führende Ökonomen sind sich in der Einschätzung der Auswirkungen auf die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) sehr unsicher. Ihre Prognosen für Deutschland reichen beispielsweise, abhängig von der Länge des „Lockdown“ und der Geschwindigkeit der Wiederaufnahme der Wirtschaftstätigkeit, für das Jahr 2020 von minus 2,8 % im Basisszenario des Sachverständigenrats bis zu minus 20 % im Worst-Case-Szenario des Ifo-Instituts. Diese riesigen Unterschiede in den Szenarien zeigen das große Maß der Unsicherheit.

Auch der Einfluss der umfassenden Störungen globaler Lieferketten auf transnationale Geschäftstätigkeiten ist hochgradig ungewiss. Eine Einschätzung der Auswirkung der Lieferkettenprobleme auf lokale und globale Produktionsstrategien lässt eine allerdings schon im September und Oktober 2019 durchgeführte Online-Umfrage der Hochschule Karlsruhe bei 655 produzierenden Unternehmen aus 16 führenden Industrienationen (Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Indien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Polen, Russland, Schweden, Spanien, Südkorea, USA und UK) zu.

„Demnach wirken sich die Störungen globaler Lieferketten insbesondere auf die Neigung der Unternehmen aus, Produktion aus dem Ausland zurück an den heimischen Standort zu verlagern“, bewertet Professor Steffen Kinkel von der Fakultät für Informatik und Wirtschaftsinformatik der Hochschule Karlsruhe die Studie. Er weist darauf hin, dass die Hälfte der befragten Unternehmen, die einen hohen Einfluss der Störungen globaler Lieferketten auf ihre Geschäftstätigkeit erwarten, in den kommenden Jahren Teile ihrer Produktion aus dem Ausland wieder ins Inland zurückverlagern wollen.

Allerdings tragen sich Unternehmen, die keine bis mittelmäßige starke Störungen erwarten, zu etwa 15 Prozent an Rückverlagerungen denken. Laut Kinkel ist darum infolge der Corona-Epidemie mit umfassenden Störungen der globalen Lieferbeziehungen “mit einer Zunahme der Rückverlagerungstätigkeiten zu rechnen.“ Für diese Annahme sprächen auch statistische Modellrechnungen der Hochschule Karlsruhe, wonach insbesondere in den Sektoren der Grundversorgung etwa bei Nahrungsmitteln, Bekleidung, Chemie und Pharmazie zukünftig verstärkt Rückverlagerungen in Erwägung gezogen würden.

Vermehrte Auslandsverlagerungen infolge der Corona-Krise seien hingegen unwahrscheinlich. Bei der Frage nach den Strategien zum Ausbau lokaler oder globaler Lieferketten infolge der wahrgenommenen Störungen seien die Ergebnisse differenziert. Kinkel: „Die Unternehmen scheinen dann eine Dual-Sourcing-Strategie mit sowohl inländischen als auch transnationalen Lieferantenbeziehungen anzustreben, um sich von den globalen Verwerfungen der Lieferketten unabhängiger zu machen.“ Insgesamt rechnet die Hochschule Karlsruhe damit, dass die im Zuge der Corona-Krise zunehmenden Verwerfungen der globalen Lieferketten in absehbarer Zeit zu verstärkter Rückverlagerung von Produktionsaktivitäten aus dem Ausland sowie zum parallelen Ausbau lokaler und globaler Lieferketten beitragen dürften.

Hans Gäng
07.04.2020
von Hans Gäng