Dr. Volker Treier: “Neuer Gestaltungswille statt Agonie”

Das Netz der deutschen Auslandshandelskammern (AHKs) unterstützt die Unternehmen, die auf vielen Märkten gleichzeitig mit den dramatischen Folgen der Coronakrise kämpfen. Dr. Volker Treier, der als Außenwirtschaftschef des DIHK diese Aktivitäten koordiniert, im Gespräch über die aktuelle Situation und die Perspektiven der Internationalisierung.

Herr Dr. Treier, wie gewinnen Sie einen Überblick über die Situation bei den international aktiven Unternehmen, die ja meist in sehr vielen Auslandsmärkten präsent sind?

, Seit Beginn der Corona-Krise versuchen wir Momentaufnahmen zu möglichen Auswirkungen der weltweiten Pandemie zu erhalten. Dazu haben wir in vielen Märkten Befragungen durchgeführt. Für mich ein wichtiges Ergebnis aus diesen Umfragen, aber auch aus den unzähligen Beratungsgesprächen und Online-Konferenzen, die wir mit den Mitgliedsunternehmen haben: Wir sollten alles dafür tun, dass die für Deutschland typische Unternehmensstruktur erhalten bleibt, wenn das ökonomische Leben nach dem Shutdown weitergeht. Finanzierungsfragen, Warenkreditversicherung, Eigenkapitalsituation, die gebotenen Steuerungsmechanismen – das sind wichtige Themen, bei denen wir uns als DIHK für den Mittelstand stark machen. Wir sind gerade in der größten Wirtschaftskrise unserer Geschichte und wir sollten alles daran setzen, den Unternehmen über diesen Abgrund hinwegzuhelfen.

Wir sind uns paradoxerweise im Netz so nah wie nie zuvor

Wie organisieren Sie den Informationsfluss im weltweiten Netzwerk der Auslandshandelskammern?

Wir sind uns paradoxerweise im Netz so nah wie nie zuvor. Uns helfen dabei wöchentliche Video-Meetings zum Austausch aktueller Informationen oder der direkte Dialog der AHKs mit unzähligen Unternehmen über unsere Navigator-Reihe von Webinaren. So stellen wir sicher, dass wir auf Augenhöhe mit der dynamischen Entwicklung in den Märkten bleiben.

Was sind im Auslandsgeschäft – Stand Anfang Mai – die gravierendsten Folgen?

Es ist, als ob die Globalisierung eine Pause eingelegt hätte: Reisebeschränkungen, logistische Probleme bei den innereuropäischen Frachten, insbesondere bei der Luftfracht sowie das Management beziehungsweise die Umstrukturierung von Lieferketten für den Neustart sind derzeit die größten Herausforderungen. Die Logistik aufrechtzuerhalten, ist
mit hohen Kosten verbunden. Wenn der Neustart, der sehr produktiven Exportwirtschaft nicht gelingt, multipliziert das sicherlich die Probleme im Binnenmarkt.

Wie unterschiedlich stellt sich die Entwicklung regional dar?

Es ist ein großer Unterschied zwischen den Ländern wie China und anderen Ländern Südostasiens, die ihren Lockdown in Teilen bereits hinter sich haben und den Ländern, die erst gar nicht mit einem solchen gerechnet haben. Wir beobachten bei den Unternehmen überall verschiedene Phasen: In einer ersten Phase sehen wir den unbedingten Willen, die Krise zu überleben. Diese geht aber in eine zweite Phase über, wo der unternehmerische Gestaltungswille häufig die Agonie ersetzt. Die Phasen sind in den einzelnen Regionen häufig zeitversetzt. Das eröffnet uns die Chance, aus den Erfahrungen der Länder zu lernen.

Wo steht der Prozess der Globalisierung jetzt?

Am Anfang gab es eine Reaktion, die in der Globalisierung eine zu starke Abhängigkeit von den Auslandsmärkten und speziell von China sah. Jetzt, da China und Asien wieder erste Impulse für die Unternehmen geben, stellt sich die Diskussion neu. Bei kritischer Infrastruktur und im medizinischen Bereich jedoch gibt es Bestrebungen, einen stärkeren nationalen Schutz zu etablieren. Aber auch das wird nicht ohne internationale Kooperation gehen, für die wir uns auch als DIHK etwa beim WTO-Pharmaabkommen stark machen. Bedarfe nur national abzudecken wird nicht einmal in Deutschland gelingen. Und Länder, die das ohnehin nicht schaffen können, zurückzulassen, passt nicht zu einer durch die Pandemie zusammengewachsenen Weltgemeinschaft.

Und wie sehen die Unternehmen selbst die Entwicklung?

Unsere Befragungen zeigen eindeutig, dass es in den Unternehmen eine größere Risikosensibilität gibt als vor der Krise. Jedes zehnte Unternehmen denkt schon über Diversifizierungen ihrer Lieferantenstruktur nach. Das wird bei den Kosten nicht ohne Folgen bleiben und die Kunden werden entscheiden, ob sie die höheren Preise akzeptieren. Das wird ein Ringen um bessere Lösungen werden, bei dem die Unternehmen über ihre Optionen selbst entscheiden müssen. Das wird also nicht das Ende der Globalisierung werden, sondern wahrscheinlich zu einer anderen Akzentuierung führen. Die Unternehmen werden sicherlich vorsichtiger.

Eine Art Neujustierung der Globalisierung, in der der europäische Binnenmarkt voraussichtlich eine größere Rolle spielen wird.

Sehen Sie Indizien für Rückverlagerungen?

Corona bedeutet schon einen Dämpfer für die Globalisierung, das sieht auch unser AHK World Business Outlook so. Immerhin 47 Prozent der deutschen Unternehmen im Ausland wollen Investitionen verschieben oder streichen. 69 Prozent beklagen am meisten die Einschränkungen bei Mobilität und Logistik, die die Fortsetzung des Geschäfts sehr stark erschweren. Gravierend ist natürlich auch der starke Rückgang der Nachfrage, die zu Überkapazitäten in den Produktionsverbünden führt. Aber was ist die Perspektive? Die großen Automobilhersteller werden sich sicherlich nicht aus den größten Märkten zurückziehen, wenn diese gerade wieder anziehen. Bei den kleinen Zulieferunternehmen hingegen sehen wir schon eine Tendenz zur Relokation, um die genannten Risiken zu verkleinern. Das ist eine Art Neujustierung der Globalisierung, in der der europäische Binnenmarkt voraussichtlich eine größere Rolle spielen wird.

Welche Rolle spielt der Protektionismus in den Corona-Maßnahmen?

Wie unsere Studie Going International zeigt, war Protektionismus leider bereits vor der Pandemie eine sehr starke Tendenz, die die befragten Unternehmen weltweit wahrgenommen haben. Aktuell arbeiten wir in der Kammerorganisation daran, den Unternehmen Informationen bereitzustellen, welche Beschränkungen und welche nun verkündeten Unterstützungsmaßnahmen für Betriebe in den einzelnen Ländern gerade gelten. In unserer “Corona-Liste” auf ahk.de sehen wir sehr wohl, dass einzelne Regelungen ausländische Unternehmen ausschließen und auf den nationalen Rahmen zurückfallen. Aber allein das unterschiedliche Volumen der nationalen Hilfspakete schafft ja ganz unterschiedliche Bedingungen für Unternehmen, etwa bei der Finanzierung.

Ist mehr staatliche Regulierung der neue Dauerzustand der Exportwirtschaft?

Wir müssen jetzt schauen, dass wir zumindest auf der europäischen Ebene aus dem zum Teil nicht immer intendierten Protektionismus herauskommen, der über die Rettungspakete zustande kam. Diese Beteiligung des Staates als fast allmächtigen Akteur des Wirtschaftsgeschehens wieder zu reduzieren und in Europa faire Regeln des Wettbewerbs zu schaffen, ist eine der wichtigsten Aufgaben, die auch die deutsche Ratspräsidentschaft in der EU prägen sollte. Mit kleinen multilateralen Schritten und Vereinbarungen, bei denen die WTO im Spiel ist, kann das gelingen. Wertschöpfungsketten staatlich am Reißbrett zu regulieren, das kann nicht die Zukunft sein. Eine Zentrale verfügt nicht über das gesammelte Wissen und die Innovationskraft beispielsweise von 1300 Hidden Champions, die in ihren weltweiten Nischenmärkten Entscheidungen dezentral vor Ort und in Kundennähe treffen.

Hans Gäng
14.05.2020
von Hans Gäng