Dominic Kurtaz: “Wissen für den Austausch im Ökosystem”

Dominic Kurtaz, Managing Director EuroCentral von Dassault Systèmes, über die Rolle von digitalen Wissensplattformen – für Innovation und neue Kundenbeziehungen.

Wie hat sich die virtuelle Arbeitswelt durch die Corona-Pandemie verändert?

Corona hat sicher dazu beigetragen, die Bereiche der virtuellen Kollaboration zu erweitern. Jetzt kommt es auf die Tools an, die die Konnektivität von Menschen und Teams auf Basis der datenbasierten Kernprozesse im Unternehmen herstellen können. Für uns war dies der Antrieb, unsere datenbasierten Plattformen weiterzuentwickeln. Für unsere Kunden ist die der Digital Twin, die virtuelle Abbildung der Produktion, viel wichtiger geworden. Das ist eine erste Transformation, die auch durch COVID-19 beschleunigt wurde. Aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. Was bedeutet digitale Transformation für die Forschung und Entwicklung, für das Engineering? Und das große Thema ist jetzt auch die B2B-Perspektive dabei – wie sich der klassische Verkaufsprozess verändert. Spezifikationen mit weniger oder kaum persönlicher Interaktion kennenlernen, Inbetriebnahme und Wartung ohne persönliche Präsenz vor Ort – das wird den Wert des virtuellen Zwillings deutlich steigern. Er ist nicht mehr nur ein Datenelement für schnellere Innovation und mehr Effizienz. Er wird zum Medium der Interaktion mit Kunden – das ist für mich eine sehr spannende Entwicklung.

Wie schnell wird dieser Prozess in den doch sehr unterschiedlichen aufgestellten Unternehmen verlaufen?

Sie sprechen die unterschiedliche Geschwindigkeit an, mit der die Unternehmen die Digitalisierung angehen. Sehen Sie, wir haben Kunden, deren Online-Geschäft vor Corona praktisch bei Null war und die jetzt 40 Prozent des Umsatzes online erzielen. Bei dieser unglaublichen Dynamik ist die Frage, wie man diese Veränderung bewusst skalierbar und wirklich nachhaltig macht. Was die rasche Digitalisierung im Unternehmen erzwingen kann, ist das zentrale Value Proposal gegenüber Kunden: Deren Erfahrungen als Nutzer, die eigene Bereitschaft zum Service, zu Nachhaltigkeit. Corona hat dazu beigetragen, in der Digitalisierung wieder eine ganzheitliche Perspektive des Unternehmens neu zu entdecken.

Er ist nicht mehr nur ein Datenelement für schnellere Innovation und mehr Effizienz. Er wird zum Medium der Interaktion mit Kunden

In den Ökosystemen von Dassault bewegen sich sowohl klassische Industrieunternehmen wie auch junge Unternehmen, die man digital natives bezeichnen müsste. Wie machen Sie den sogenannten “digital gap” kleiner?

Start-ups sind in der Tat sehr oft auf die Kreation aus dem Nichts fokussiert. Aber auch sie müssen ihre Kunden und die Investoren davon überzeugen können, dass ihr Produkt marktfähig ist. Die Virtualisierung der Produktentwicklung hilft dabei entscheidend. Das ist einer der Gründe, warum wir seit langem in Ökosystemen von KMU und Startup-Netzwerken präsent, eigentlich im Wortsinn zu Hause sind. In unserem weltweiten Netz von Experience Labs motivieren wir Start-ups, mit uns gemeinsam innovativ zu sein. Wir stellen ihnen physische Räumlichkeiten zur Verfügung, in die sie ihre Ökosysteme einladen können, um mit ihnen zusammenzuarbeiten – aber natürlich auch, um neue Technologien zu nutzen. Unser neues 3D-ExperienceLab in München, das wir Anfang des nächsten Jahres eröffnen, ist ein Beispiel dafür. Jetzt, wo die Welt wieder zu einer gewissen Normalität zurückkehrt, wollen wir die Industrie dabei unterstützen, stärkere Verbindungen zwischen etablierten Herstellern und einem ganzen Pool innovativer Startups und Disruptoren aufzubauen. Innovation vollzieht sich nicht mehr in klassische hierarchischen Ketten, gebunden an Großaufträge. Innovation findet auch an Orten, in Branchen, in Unternehmensgrößen statt, die niemand erwartet hat. Das Zusammenspiel, den Wissensaustausch all dieser Netzwerke zu ermöglichen, ist für uns ein wichtiger Teil der künftigen Wertschöpfung.

Welche Rolle spielt die Cloud in dieser neuen Welt der Innovation?

Eine ganz entscheidende! Sie ist einfach die grundlegende Voraussetzung für Kollaboration in diesen Netzwerken. Start-ups und Unternehmen haben weder die Zeit noch Expertise, nicht einmal den Wunsch, langwierige Software-Anpassungen vorzunehmen, bevor sie Projekte starten. Die Cloud ermöglicht, sofort in ein Wissens-Netzwerk einzutreten. Das ist für mich der absolute Schlüssel. Nur so können wir die unterschiedlichen Welten der Industrie – Leadership, Design, Marketing und Vertrieb – mit der Produktentwicklung in den Laboren verknüpfen. In einer so vielseitigen und innovativen industriellen Landschaft wie hier in Deutschland diese Netzwerke zusammenzubringen, Wissen und Erfahrungen auszutauschen – das ist in diesem globalen Innovationszentrum, das Deutschland immer noch darstellt, eine wichtige Aufgabe, zu der wir beitragen können.

Was unsere Kunden für ihre eigenen Kunden jetzt überall auf der Welt digital erreichen können, das konnten wir uns vor fünf, zehn Jahren noch gar nicht vorstellen

Nichtsdestotrotz sind Innovationsprozesse immer in einem globalen Kontext zu organisieren…

Ja, das stimmt. Als global agierendes Unternehmen sind unsere Lösungen so konzipiert, dass sie unseren Kunden globale und lokale “Fitness” ermöglichen. Es geht darum, genau zu verstehen, was vor Ort passiert. Denken Sie an einen Player wie Tesla, einen unserer wichtigsten Kunden in der neuen Welt des Automobils. Es ist auch für uns selbst eine komplexe Aufgabe, mit unseren Kunden zusammen in fast jeder bedeutenden industriellen Region auf der ganzen Welt präsent zu sein und mit ganz unterschiedlichen Anforderungen, auch über zwölf verschiedene Branchen hinweg, zu arbeiten. Und dabei geht es nicht um unsere Systeme für die Fertigung. Realität ist, dass wir in verschiedenen Infrastrukturen und Bereichen arbeiten, die ganz unterschiedliche regulatorische Anforderungen haben. So haben wir erhebliche Investitionen in die Biowissenschaften und im Gesundheitswesen mit sehr strengen Vorschriften, Gesetze und Datenanforderungen getätigt. Mehr als 60 Prozent der klinischen Studien, die in den letzten Monaten durchgeführt wurden, um den Impfstoff für COVID-19 zu finden, haben auf unserer Datenplattform stattgefunden. Ich denke, es ist gut für die Industrie, geo- und branchenübergreifende Standards voranzutreiben. Dazu brauchen wir eine Art von globalen Technologiestandards. Dennoch bleibt unser Ansatz dabei der, Unternehmen in ihren lokalen Märkten agiler zu machen. Was unsere Kunden für ihre eigenen Kunden jetzt überall auf der Welt digital erreichen können, das konnten wir uns vor fünf, zehn Jahren noch gar nicht vorstellen. Es bleibt ein faszinierendes Umfeld, in dem wir uns bewegen.

Luca Wodtke
02.03.2022
von Luca Wodtke