DIHK-Umfrage: “Lichtblick Indien und Mercosur”

Die DIHK-Umfrage „Going International 2026“ zeigt den großen Druck, unter dem die deutsche Exportwirtschaft steht.

Der DIHK hat kurz vor der HANNOVER MESSE die aktuellen Ergebnisse einer Umfrage unter 2400 international aktiven deutschen Unternehmen veröffentlicht. Die Firmen vermelden einen Rekord an Handelshemmnissen. Die USA werden als „Bremsklotz“ empfunden. Dafür aber sorgen Indien und der Mercosur für eine Aufhellung der Stimmung.

Mehr als zwei Drittel der auslandsaktiven Unternehmen (69 Prozent) spüren eine Zunahme der Handelshemmnisse – so viele wie noch nie seit Beginn der Erhebung. Die weltweiten Geschäftserwartungen bleiben insgesamt im Minus. Die Befragung lief im Februar, damit noch vor Beginn des Krieges im Nahen Osten.

Unsere Exportprognose von einem Prozent werden wir so nicht halten können

Die Exportprognose des DIHK für 2026 ging davor noch von einem Wachstum von einem Prozent aus. Die Rechnung, die DIHK-Außenwirtschaftschef Dr. Volker Treier bei der Vorstellung der Befragung aufmachte, ist ernüchternd: Ein zehnprozentiger Ölpreis-Anstieg, der über zwölf Monate anhält, koste Deutschland nach der DIHK-Faustformel einen halben Prozentpunkt Wirtschaftswachstum. „Aber wir sind beim Ölpreis aktuell 50 Prozent über dem Jahresdurchschnitt 2025. Unsere Exportprognose von einem Prozent werden wir so nicht halten können.”

Hohe Zölle, politische Volatilität und rechtliche Unsicherheiten machen eine langfristige Planung zunehmend schwierig

Sorgen macht sich Treier vor allem um die weltweite Logistik: „Containerhandel und Luftfracht werden erheblich teurer werden.“ Dies kommt zu den gestiegenen Zollbelastungen dazu, über die knapp zwei Drittel der befragten Unternehmen klagen. 86 Prozent von ihnen spüren die Auswirkungen besonders deutlich beim Handel mit den USA. Entsprechend stark hat sich die Stimmung eingetrübt. Für viele deutsche Unternehmen ist das US-Geschäft eingebrochen, die Erwartungen für das laufende Jahr liegen auf einem Rekordtief. „Die USA entwickeln sich zum Risikofaktor“, so Treier. „Hohe Zölle, politische Volatilität und rechtliche Unsicherheiten machen eine langfristige Planung zunehmend schwierig.“

Neben Zöllen prägen vor allem nichttarifäre Handelsbarrieren den Alltag vieler Unternehmen: Besonders häufig genannt werden lokale Zertifizierungsvorschriften (51 Prozent) und strengere Sicherheitsanforderungen (37 Prozent). Auch Exportkontrollen stellen für mehr als ein Drittel der Unternehmen (35 Prozent) eine Herausforderung dar – besonders im US- (41 Prozent) und Chinageschäft (29 Prozent).

Als eine Belastung für ihr Auslandsgeschäft empfinden 83 Prozent der Unternehmen aber auch EU-Regulierungen – wie etwa Lieferkettenvorgaben, Berichtspflichten, Verpackungsregeln oder der CO₂-Grenzausgleich. Treier: „Das schwächt unsere Unternehmen im internationalen Wettbewerb zusätzlich.“

Diversifizierung ist längst keine strategische Option mehr, sondern eine Notwendigkeit

Für den DIHK erhöht die aktuelle Situation den Diversifizierungsdruck: „Diversifizierung ist längst keine strategische Option mehr, sondern eine Notwendigkeit“, so Treier. „Wer seine Märkte breiter aufstellt, wird widerstandsfähiger gegenüber politischen Risiken.“ In der Umfrage, in der Negativsalden weltweit bei Geschäftslage und Erwartungen dominieren, stechen zwei Lichtblicke heraus: Indien und der Mercosur. Der größte Ausreißer nach oben ist Indien: ein Plus von 17 Prozentpunkten bei den Geschäftsperspektiven – der beste Wert im gesamten Länderspektrum der Umfrage. Die Geschäftsperspektiven in Lateinamerika verbesserten sich von – 8 % auf +5 % – ebenfalls “ein Swing” von 13 Prozentpunkten.

Freihandelsabkommen der EU mit Indien sowie dem Mercosur nähren Hoffnungen auf neue Wachstumsimpulse. Treier: „Die Ratifizierung des EU-Mercosur-Handelsabkommens ist für die deutsche Wirtschaft ein dringend benötigtes Signal der Zuversicht in einem zunehmend rauen geoökonomischen Umfeld.“

Beim Mercosur gehe es längst nicht mehr nur um Exportmärkte, sondern um tragfähige Rohstoff- und Energiepartnerschaften. Treier würdigte vor allem das Potenzial Brasiliens, des diesjährigen Partnerlands der HANNOVER MESSE. „Ich freue mich sehr auf die Messe.”

Der Endpunkt dieser Lieferkette liegt nicht hinter der Straße von Hormuz

Denn Brasilien verfüge über die Rohstoffe, die Europa für die Dekarbonisierung brauche – Eisenerz, kritische Mineralien, Biomasse. Für Treier ergeben sich daraus auch Veränderungen in Wertschöpfungskette: Brasilien verfügt über die erneuerbare Energie, um diese Rohstoffe mit einer ersten Wertschöpfungsstufe selbst zu veredeln – etwa zu grünem Stahl, mit grünem Wasserstoff als Träger, zu grünen Industrieprodukten: ein Modell, das Investitionen in beide Richtungen ermögliche. “Und der Endpunkt dieser Lieferkette liegt nicht hinter der Straße von Hormuz”.

Im Pressegespräch nannte Treier auch den “Mittleren Korridor durch Zentralasien” einen logistisch notwendigen Entwicklungspfad, den die Politik unbedingt aktiver gestalten müsse. Dieser könne die Europa-Afrika-Achse insbesondere bei kritischen Mineralien zu ergänzen.

26.03.2026
von Editorial Team
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