Baden-Württembergs Zeitenwende: Boost für Luft- und Raumfahrt
Geplante Investitionen im Bereich der europäischen Verteidigung verleihen Baden-Württembergs Luft- und Raumfahrtindustrie neue Flügel. Das zusätzliche Wachstumspotenzial der Branche stellt ihre sehr unterschiedlichen Unternehmen vor neue Herausforderungen.
Automobil, Maschinenbau, Medizintechnik – und was noch? Nicht immer, wenn von Baden-Württembergs Hochtechnologie die Rede ist, steht die Luft- und Raumfahrtindustrie im Vordergrund. Dabei braucht sie sich nicht zu verstecken. Ein umfassender Atlas des Clusters schätzt, dass nicht weniger als 200 Unternehmen und mehr als 16.000 Beschäftigte, die im Jahr rund 5 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften. Und es werden jetzt mehr.
Mix der industriellen Kompetenzen
Von Airbus bis Zeppelin: In der sehr langen Unternehmensliste der Luft- und Raumfahrt spiegeln sich mehrere typische Merkmale des immer noch sehr innovativen Industriestandorts Baden-Württemberg. Da ist zuallererst der Mix der Unternehmensgrößen – von Großunternehmen über Mittelständlern bis zu Startups. Dazu kommen die unterschiedlicher industriellen Erfahrungen und Technologien der Unternehmen. Bei Systeme, Komponenten oder Ausrüstung, in Leichtbau, Ultraenergieeffizienz, Tribologie bis hin zur Navigation sind so Synergien möglich.
Bemerkenswert sind zudem Kompetenzen in Fertigung und Hochpräzionstechnik, die auch mittelständischen und kleinen Unternehmen als Zulieferer für die Luft- und Raumfahrt beherrschen. Ein weiteres Merkmal der Branche: Sie investiert ungewöhnlich hoch investiert in Forschung und Entwicklung zu investieren – schon bislang nicht weniger als 17,5 Prozent, wie das Land schätzt.
Rundflug durch die Regionen
Landestypisch ist auch die geografische Dezentralität, was sowohl für die Unternehmen wie auch für die Forschung der Branche gilt. Agglomerationen rund um ein paar dominierende Großunternehmen, wie in der Automobilindustrie oder wie bei Airbus in Hamburg gibt es nicht.
Darum ein kurzer Rundflug über die Regionen:
Der Industrieraum am Neckar bildet einen gewissen Schwerpunkt, der auch über wichtige Forschungseinrichtungen verfügt. Dazu zählt die international renommierte Fakultät Luft- und Raumfahrttechnik und Geodäsie. Sie ist nicht nur eine der größten der Universität, sondern auch eine der renommiertesten Studienorte in Europa. Stuttgart ist auch Standort des Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt DLR. In Ditzingen hat Thales, ein französisches Schwergewicht für Satellitensysteme und Radartechnik, einen markanten Standort. Und in Murr entwickelt Safran Sensoren und Ausrüstung für die Flugsteuerung.
In der Region Heilbronn befindet sich ein wichtiger Standort des Ariane-Projekts: Im kleinen Lampoldshausen werden Antriebssysteme von Satelliten und Orbitalplattformen erforscht. Das Bundesland fördert dort auch das Projekt “Zero Emission”, das die Rolle von Wasserstoff für die Branche erforscht.
In Backnang haben sich mehrere hochspezialisierte Unternehmen angesiedelt, die sich mit Satellitenkommunikation befassen. Allein die Tesat-Spacecom beschäftigt dort 1200 Mitarbeiter.
Auch in Ulm geht es um Satellitenkommunikation und Radartechnologien. In der Donaustadt erforschen DLR-Institute aber auch die Rolle von Quantentechnologien und KI-Sicherheit für die Luft- und Raumfahrt.
Bruchsal ist der Startplatz für die Flugtaxis von Volocopter. Die Geräte des Start-ups sollten schon bei den Olympischen Spielen in Paris zum Einsatz kommen. Nach einer finanziellen Bruchlandung sorgt jetzt ein chinesischer Investor für neuen Auftrieb.
Hochtechnologieregion Bodensee
Am Bodensee findet sich in Immenstaad mit Airbus Defence and Space eine Division von Europas führendem Verteidigungs- und Raumfahrtunternehmen. Im malerischen Überlingen entwickelt Diehl Defence Systeme modernste Luftverteidigung: Das Luftabwehrsystem Iris-T ist das derzeit wohl das bekannteste Produkt des Unternehmens. Zusammen mit Diehl Aviation in Laupheim und Diehl Aerospace in Überlingen ist die Gruppe einer der größten Arbeitgeber der Luft- und Raumfahrt in Baden-Württemberg.
In der Bodensee-Industriestadt Friedrichshafen erinnern nicht nur Rundflüge und das nach ihm benannte schöne Museum an den großen Pionier der Luftfahrt: die Zeppelin Aviation & Industry ist ein integrierter Technologiekonzern, das noch heute seinen Namen trägt. Auch der Pionier Dornier hat ein schönes Museum, die Werke sind in Airbus integriert. Weitere große Namen wie MTU Aero Engines und Rolls Royce sind am See präsent.
Hidden Champions überall im Land
Daneben gibt es die vielen, relativ kleinen Orte in Baden-Württemberg, in denen Hidden Champions der spezialisierten und innovativen Fertigung zu Hause sind. Stellvertretend seien hier als Luftfahrt-Zulieferer der Leichtbau-Spezialist Leiber in Emmingen ob Egg, die SACS Boysen Aerospace Group in Empfingen und die Zollern GmbH in Sigmaringendorf genannt.
Wer sich einen Überblick und Kontakte mit den Unternehmen der Branche verschaffen will, kommt um die Cluster-Organisationen nicht herum. Neben der lokalen Wirtschaftsförderung und Verbünden wie etwa der BodenseeAIRea ist vor allem das Forum Luft- und Raumfahrt LRBW (lrbw.de) mit seinen 100 Mitgliedsunternehmen die wichtigste Adresse.
Cluster-Organisation Forum LRBW
Deren Vorstand Professor Dr.-Ing. Rolf-Jürgen Ahlers und die junge Geschäftsführerin Constanze Wolf suchen auch das enge Zusammenspiel mit der Landesregierung. Die Luft- und Raumfahrtstrategie “The aerospace Länd” verdankt sich zahlreichen Impulse aus der Branche. Das Bundesland setzt für die Weiterentwicklung des Standorts auf den Dreiklang von Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Kooperation.
Und natürlich reklamiert Baden-Württemberg für sich eine europäische Spitzenposition in der Luft- und Raumfahrt. Diese soll sich auch stärker bei der Vergabe europäischer Fördermittel in Forschung und Industriepolitik niederschlagen. Erst recht mit dem Blick auf die massive Aufstockung öffentlicher Investitionen, die EU und die Bundesrepublik für die Verteidigung beschlossen haben.
Kretschmann: Neue Wertschöpfung in der Verteidigung:
Im Frühjahr 2025 positionierte sich dazu auch der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann klar: Mit einer Ermunterung an Unternehmen aller Branchen, neue Wertschöpfungspotenziale in der Verteidigungsindustrie zu suchen. Jüngst kündigten der Laser-Champion Trumpf in Ditzingen, aber auch die Automobilfirmen Porsche und ZFein Engagement in der Verteidigung an.
Ein von LRBW jüngst gegründeter Arbeitskreis Verteidigung und Sicherheit kann sich über mangelnde Nachfrage jedenfalls nicht beklagen. Constanze Wolf: “Die Unternehmen laufen uns bei diesem Thema die Bude ein”. Allerdings fordert LRBW eine deutliche Entbürokratisierung der europäischen Förderung. Wolf: “Viele KMU haben nicht im Ansatz die Ressourcen für die sehr langwierigen und komplizierte Antragstellungen in der EU.”
Fachkräftemangel: Chancen durch internationale Kooperation?
Mit dem militärischen “Boost” steht die Branche nun vor einer neuen Etappe einer schon älteren Herausforderung: dem demografisch bedingten Mangel an Fachkräften in Deutschland. Zwar gibt es bereits erste vom Land geförderte Bildungsmaßnahmen. Diese sollen Ingenieuren und Technikern etwa aus der krisengeschüttelten Autoindustrie den Zugang in die Luft- und Raumfahrt ermöglichen. “Für das zu erwartende höhere Produktionsvolumen werden aber auch dringend Facharbeiter gebraucht”, ist sich Constanze Wolf sicher.
Die weitere Internationalisierung der Unternehmen und ihrer Belegschaften könnte dabei ein wichtiger Ansatz zur Lösung sein. “In vielen Technologieunternehmen und Start-ups wird schon lange nicht mehr Deutsch gesprochen. Wir kennen ganze R&D-Abteilungen, in denen Spezialisten und Talente aus Spanien und Italien die Mehrheit stellen”, berichtet die LRBW-Geschäftsführerin.
Diese Entwicklung könnte auch eine Chance für eine engere deutsch-französische Zusammenarbeit in Baden-Württemberg darstellen. Die großen Unternehmen – wie jüngst Safran und Diehl – finden bereits zu Technologiekooperationen zusammen. Das Potenzial einer grenzüberschreitenden Kooperation – das wäre für KMU und vor allem für die Szene sich rasch entwickelnder Start-ups noch zu entdecken. Austauschformate könnten spezifisch gefördert werden. Das gilt auch für deutsch-französische Hochschulkooperationen in der Luft- und Raumfahrt. Hier gibt es für die himmelsstürmende Branche, wie eine deutsche Redensart sagt, “noch Luft nach oben”.
